11.59.13 Ich muss abwägen, bevor ich etwas unternehme, ich darf nichts überstürzen, sage ich mir, es ist ein Fehler, sich zu früh zu melden. Gleich wird es regnen. Der Himmel hat sich bezogen... sich bezogen... was für eine lächerliche Formulierung das ist, denke ich, und etwas in mir zieht eine Parallele von der Lächerlichkeit der Formulierung zur Lächerlichkeit der Fahrten hierher. Eine Formulierung, so absurd, wie die Fahrten hierher, denke ich verächtlich, was will ich von ihm, es ist abstoßend, sich damit zu beschäftigen, sich so damit zu beshäftigen, es ist absurd und lächerlich, sage ich mir, während die ersten Tropfen fallen, auf den hellgrauen Asphalt.

Während ich ihn wusch, konnte ich in Ruhe seinen näckten Oberkörper
betrachten, den abgemagerten, von früherer körperlicher Arbeit immer noch stark ausgeprägten Brustkorb, die leichte Wölbung des Bauches, die Haut. Was für einen schönen Körper er doch hat, dachte ich. Die Haut war straff, die Behaarung spärlich, einzelne Härchen in der Mitte der Brust und das erinnerte mich jetzt an Hinnerk, an seinen Oberkörper.
"Du hast einen schönen Brustkorb", sagte ich.
Martin sah mich überrascht an.
Noch einmal kehrte ich zu seiner Hand zurück, zu den Fingern, zu den Zwischen-räumen, dorthin, wo sie sich verzweigten. Was für feine Zwischenräume, hätte
ich beinahe noch gesgt, ließ es aber. Es wäre unpassend gewesen. Ich lächelte
statt dessen. Er lächelte zurück. Und ich dachte, dass Hinnerk wohl dre meiner
Freunde war, der Martin am meisten glich.

LESEPROBE --- Isolde Oberhof --- Wie die Dinge laufen